Kunststoff und Innovation

Das falsche Gefühl der Nachhaltigkeit

Ah! Kunststoffe und die Umwelt, 2 Begriffe, die in letzter Zeit nicht in einem Satz miteinander auszukommen scheinen. Die wachsende Besorgnis über „Wir töten den Planeten“ hat die Menschen dazu ermutigt, sich immer mehr mit ihren Gewohnheiten auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wie nachhaltig ihr Lebensstil wirklich ist. Was bedeutet, tatsächlich darauf zu achten, was konsumiert wird.

 

Dies hat Unternehmen die Möglichkeit gegeben (oder sie gezwungen – je nachdem, wie man es betrachtet), ihr Geschäft zu überdenken und Alternativen zu finden, die den Anforderungen des Kunden entsprechen. Und es hat Unternehmern eine Tür geöffnet. Dieses wachsende Bedürfnis „grün“ zu sein hat jedoch auch zur Verbreitung von Fehlinformationen geführt. Das ist kontraproduktiv, da wir beim Versuch „nachhaltig“ zu werden dazu gedrängt werden an Dinge zu glauben, die keine wissenschaftliche Grundlage haben und sich am Ende als umweltschädlicher herausstellen – oder einfach insgesamt unsinnig sind.

 

Als Beispiel bin ich vor einigen Monaten auf einen Online-Shop hier in Österreich gestoßen. Die Vision des Unternehmens ist es, „diesen Planeten von Plastik zu befreien“ und „Sie dabei zu unterstützen, kleine nachhaltige Entscheidungen zu treffen“. Sie sind „davon überzeugt, dass jeder durch kleine nachhaltige Entscheidungen Plastik vermeiden kann“. Ihr Geschäftsmodell besteht darin, alternative Produkte zu entwickeln um dieses Ziel zu erreichen. In ihrem Sortiment finden Sie eine Vielzahl von Produkten: Selbstpflegeprodukte, Kleidung, Lebensmittel, Taschen und sogar Kondome. Neben einigen offensichtlichen Ersatzmöglichkeiten wie Kristallflaschen, Metallbehälter und Holz- bzw. Papierartikel bieten einige ihrer Produkte eine interessante Alternative (z. B. Lebensmittelverpackungen aus Algen).

Abgesehen vom vielleicht absichtlich gemachten dramatischen Marketing – z. B. zu erwähnen, dass Plastikkondome zu Infektionen und Unfruchtbarkeit führen können (es gibt keine Studien die diese Behauptung stützen), und dass ihr Produkt sicherer ist weil plastikfrei. Ich finde eher den Mangel an Forschung bedenklich wenn es um Standardkunststoffe geht, die zur Dämonisierung des Materials führen obwohl es im Vergleich zu anderen Stoffen die umweltfreundlichste Wahl ist[1]. Sie erkennen ebensowenig das Vorhandensein von Kunststoff in der Beschreibung vieler ihrer eigenen Produkte an (außer wenn sie Recycling hervorheben) oder unterscheiden sich in ihren Produkten auf Stärkebasis nicht (die immer noch aus Kunststoff bestehen) und widersprechen daher ihrer eigenen Werbung als plastikfreier Laden. Leider betrifft dies nicht exklusiv dieses eine Unternehmen sondern als eine Art Trend auch viele andere.

 

Nachhaltigkeit ist heutzutage ein verwirrendes Thema. Wenn ein Unternehmen jedoch wirklich versucht, auf Nachhaltigkeit hinzuarbeiten, liegt es in seiner Verantwortung, sich tatsächlich Zeit zu nehmen. Sich hinsetzen, in gültigen Quellen nachzulesen und die Öffentlichkeit nicht irrezuführen um an Dinge zu glauben die nicht stimmen.

 

Letztendlich ist dies ein Problem der Menschen und nicht materiell. Diese Unternehmer sagen, dass die Inspiration für die Gründung dieses Unternehmens die Erkenntnis war, dass sie sich nach einer die ganze Nacht dauernden Party in einem Müllhaufen wiederfinden würden. Deshalb wollen sie jetzt zwar „auf die gleiche Weise feiern wie zuvor“, aber ohne diese „Schuld“. Vermutlich haben sie nicht bemerkt, dass Sie, egal um welches Material es sich handelt, immer noch Müllberge verursachen wenn Sie es auf den Boden werfen.

[1] Imperial College London, Examining Material Evidence – The Carbon Fingerprint (2020) p. 8


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